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Buchrezension "Mutterland" von Paul Theroux, erschienen im Hoffmann und Campe Verlag unter der ISBN 978-3-455-002-90-4 , Preis 28,00 €

Gelesen und empfohlen von Paula Hoepfel, ehrenamtliche Mitarbeiterin in der Mediothek Hüttenberg

Ein großer amerikanischer Familienroman – tragisch, fesselnd und urkomisch

Alle in Cape Cod halten Mutter für eine wundervolle Frau: fleißig, fromm, genügsam. Alle außer ihrem Ehemann und ihren sieben Kindern. Nach dem Tod des Vaters kehrt der Erzähler in die Stadt zurück, in der er aufgewachsen ist und in der der größte Teil seiner Geschwister und seine Mutter leben. Die Mutter, eine launische und manipulative Matriarchin, die ihr Reich, das wortwörtliche Mutterland, unumschränkt und willkürlich beherrscht, versteht es meisterhaft, ihre erwachsenen Kinder gegeneinander auszuspielen. In diversen Rückblenden lässt der Ich-Erzähler seinen von der Mutter mit virtuosen Mitteln dominierten Familienverband aufmarschieren und beleuchtet die familiäre Dynamik, die einzelnen Charaktere und beschreibt seine Mutter so: „In ihren Widersprüchlichkeiten, ihren Launen, ihrer Ungerechtigkeit, ihrer Illoyalität und ihrer Willkür war sie zu jedem von uns anders. Jeder musste mit seiner eigenen Version von ihr klarkommen, jeder hatte eine andere Mutter oder übersetzte sie in sein ganz eigenes Idiom.“

Meine Beurteilung:

Ich habe dieses Buch mit großem Vergnügen gelesen. Der Autor versteht es meisterhaft, ein sehr defizitäres und bedürftiges Familienszenario abzubilden. Diese Mutterfigur, so wie sie ihm begegnet ist bzw. wie sie von ihm interpretiert wurde, sucht schon ihresgleichen. Man möchte sie fast bewundern, ob ihrer Raffinesse und ihres Einfühlungsvermögens, die es ihr ermöglichen, alle nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen, wenn ihr Verhalten nicht so abstoßend wäre.

Diese Familie kann nicht miteinander, aber auch nicht ganz ohne einander. Es ist ganz erstaunlich, wie die Geschwister, die ja den größten Teil ihrer Zeit in ihrem eigenen Leben mit Partnern und Kindern verbringen, sofort in ihre Kinderrolle zurückfallen, wenn sie mit der Mutter oder dem Rest der Kernfamilie zu tun haben. In ihrem Miteinander sind sie nie erwachsen geworden und benehmen sich auch entsprechend, wobei die Mutter diesen Umstand befeuert und geschickt für ihre Zwecke ausnutzt.

Der Ich-Erzähler ist dabei in der Lage, seine eigenen Verhaltensmuster und die der anderen mit etwas Abstand kritisch zu reflektieren und ist sich seiner kindlich/kindischen Rolle auch bewusst, aber es gelingt ihm nicht, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Diese Familiengeschichte ist eine schönes Beispiel dafür, dass man erst dann erwachsen ist, wenn man den eigenen Eltern verziehen und gelernt hat, nicht darauf zu warten, dass sich die anderen ändern, sondern das eigene Verhalten ändert.